Informationen über PHILIPP BRAUN
06.-09. September 2011
posted on 06.09.2011 - „Eeeey, ab in den Norden. Willkommen Sonnenschein, ich pack meine Sieben Sachen ins Schlafabteil rein“.
Der Norden Deutschlands reizt mich ja schon lange und so packe ich nicht nur meine Sieben Sachen sondern auch die Gelegenheit beim Schopf und buche mich im Kenners Landlust ein, welches schön am Rande der Lüneburger Heide eingebettet ist. Diese beeindruckende Landschaft ist für einen Österreicher nun ja nicht gleich ums Eck, einige Berge sind da schon zu überwinden und so ist man auf etwaige Transportmittel angewiesen. Obwohl sehr fit auf den Beinen, sind die 712km kein Katzensprung für einen alten Kater wie mich, zumal ja auch andere Gegenden besucht werden sollen und die Biodyssey „nur“ 180 Tage dauert. Außerdem sind laut Google Maps möglicherweise keine Bürgersteige oder Fußwege vorhanden. Viel zu gefährlich also.
Nun, wie komme ich dann rauf in den Norden? Flugzeug oder Auto könnten eine Alternative sein, dauert aber (inkl. Anfahrtszeiten, Sicherheitschecks, sonstigen Wartezeiten, Tankpausen, Staus,…) mind. 9 Stunden, hinzu kommt noch der riesengroße ökologische Fußabdruck, den ich vermeiden will. Die nachfolgende Generation und die Länder des Südens, die unter den Auswirkungen meines nicht-nachhaltigen Lebensstils dann am meisten zu leiden haben, werden es mir danken, wenn ich andere Alternativen in Anspruch nehme. Da gibt es zum Beispiel den guten alten Zug, der zu absolut preiswerten Tarifen Hotelbummler über Nacht von A nach B bringt. In meinem Fall ist es dann der EN 490 Hans Albers. Die ÖBB verlangt für eine Strecke 59.- und wenn ich nicht gar so „slow“ bei der Buchung gewesen wäre, hätte es die Fahrt eventuell auch noch günstiger gegeben. Eine andere Variante bietet das „Rail-Inclusive-Tours-Ticket“ (tagsüber ab 47.-), welches exklusiv über die Familie Kenner bezogen werden kann; ein überaus sympathischer Beitrag des Hotels zum Klimaschutz.
Bei der Nachtfahrt hat man unter anderem die Möglichkeit zwischen 4er und 6er- Abteilen. Ich entschied mich aus ökonomischen Gründen fürs Abteil mit 6 Schlafplätzen, allerdings erhöht es die Wahrscheinlichkeit, einen Schnarcher neben, unter oder ober sich liegen zu haben. Leider war in meinem Fall links unten der Schnarcher in lauten Tiefschlaf versunken. Nur nicht die Nerven wegschmeißen, sondern die Ohropax auspacken, in die Ohren rein damit und sich von den sanften Ruckelbewegungen des Zugs in den Schlaf wiegen lassen. In der Früh wird vom Schaffner sogar Frühstück ans „Bett“ serviert; eine Semmel, Butter, Marillenmarmelade und heißer Kaffee. Das Frühstück gewinnt zwar nicht den Biopreis, ich werte aber die nette Geste und starte ausgeschlafen meinen Tag ins Hotel Kenner.
Der Wald ruft!
posted on 08.09.2011 - Das Hotel Landlust liegt in dem großartigen Ort Dübbekold und obwohl dort „nur“ 9 Einwohner (aber ca. 160 Gästebetten) gemeldet sind, hat es sich nicht nur unter den Leuten schnell herumgesprochen, welchen Schatz sie vor der Haustüre haben. Der Schatz ist nun wirklich nicht zur Gänze vergraben, sondern wenn man genau schaut und ein aufmerksamer Betrachter ist, baut sich dieser rund um den Ort auf. Falls es irgendwelche Fichtenmonokulturen wären, die egoistisch und arrogant in den Himmel ragen, kein Licht für andere Artgenossen übrig haben und den Boden versauern lassen, dann könnte man ja leicht darüber hinwegschauen, so fad gestalten sich die Bäume in Reih und Glied. In der Göhrde schaut das aber anders aus. Da vermischen sich Eichen, Buchen, Douglasien, Tannen, Kiefern, Ahorn,… zu einem einzigartigen Schatz; einem Mischwald der fast verloren ging und nun wieder entdeckt wird. Dieser Wald wird auch bewirtschaftet (ist streng genommen also ein Forst), aber unter strengen nachhaltigen Grundsätzen (der Begriff Nachhaltigkeit kommt übrigens aus der Forstwirtschaft). Kahlschläge gehören somit der Vergangenheit an und Totholz wird stehen- oder liegengelassen, damit es Leben gibt. Es wollen ja auch Insekten (Käfer, Ameisen oder Bienen) etwas Feines zum Essen haben und Pilze oder Flechten erleben auf dem Holz ein richtig, schönes Wohlgefühl, außerdem rechnet sich langfristig ein ordentlicher Humusaufbau auch für den ökonomisch denkenden Förster. Verkalkulieren würde man sich sehr schnell, wenn man mehr Holz aus dem Wald rausnimmt, als nachwachsen kann. Dann kommen wir irgendwann ziemlich nah an die Situation von 1650, als ganz Deutschland nur noch aus 10% Waldfläche bestanden hat. Mittlerweile sind es ca. 31% und der Waldbestand nimmt leicht zu und speziell in der Göhrde ist es nicht irgendein Zuwachs, sondern eine langfristige Ökologische Waldentwicklung. Ein Ökologisches Füllhorn für die Einwohner von Dübbekold, so einen Schatz vor der Haustüre zu haben. Das Glück ist ja bekanntlich ein Vogerl (von denen gibt es im Wald übrigens sehr viele; sogar Störche nisten in wunderbar, verzweigten Eichen) und damit dieses Glück auch weiterhin anhält, macht der Kenny Kenner vom gleichnamigen Hotel regelmäßig Führungen in den Wald, um die Teilnehmer/innen zu quasi Hüter/innen des Waldschatzes zu machen damit in Zukunft nicht nur der Wolf im LÖWE Wald seine Spuren hinterlässt, sondern auch wir (oder die Förster) durch unser Verhalten und Nachfragen dem Wald wieder mehr Vielfalt und Abwechslung verleihen.
posted on 09.09.2011 - Im Wendland merkt man schnell wie nah eigentlich Genie und Wahnsinn beisammen liegen. Da gibt es zum einen die Nemitzer Heide, die im Spätsommer einem 400 ha großen Landstrich mit einem zart rosa, leicht lila Anstrich eine märchenhafte Aura verleiht. Stundenlang könnte man dastehen und in diesem Blütenmeer versinken. Doch nicht nur für Ästheten bietet diese Besenheide (ebenso Heidekraut genannt) was, auch Botaniker, Ökologen, Ornithologen, Zoologen, Entomologen und viele andere Wissenschafter finden hier ein Forschungsparadies zum jeweiligen Fachgebiet. Die Heide ist nämlich deswegen so besonders, weil sie auf einem besonders nährstoffarmen Boden blüht und gedeiht und unzähligen Tieren wie selten gewordenen Vögel (Schwarzkehlchen, Brachpieper, Steinschmätzer , Wiedehopf, Raubwürger oder Ziegenmelker) einen Lebensraum bietet, damit dort gebrütet werden kann. So offen diese Heide erscheint, so sensibel ist sie auch und braucht immer wen, der sich mit ihr beschäftigt. Wenn man nämlich etwas Zeit verstreichen lässt und sie in Ruhe lässt, dann kennen die Kiefern und Birken kein Pardon. Ratz Fatz stellen Sie Besitzansprüche und machen sich statt der Heide breit und verdrängen diese. Dann hilft zum Fortbestehen nur die Einlagerung der Samen in die Erde, um nach einem Waldbrand wieder zum Vorschein zu kommen, oder man lässt den Wald erst gar nicht entstehen und bringt ein schnuckeliges Tier ins Spiel – das Schaf. Aber nicht irgendeinen gewöhnlichen Hornträger, sondern die Heidschnucken, die sich ob der zarten Pflanzen freuen und dafür sorgen, dass der Erhalt der Kulturlandschaft gesichert bleibt. Ja viel mehr noch. Ohne die Schafe gäbe es auf der Heide auch keine Bienen, da diese sich in den Spinnennetzen verfangen würden und so halten die wolligen Schafe nach erfolgreicher Durchweidung sozusagen den Landeanflug für die Bienen frei. Wir freuen uns dann auf Honig, Schaffell und ein zartes, fettarmes Fleisch. So schließt sich der geniale Kreislauf und wir kommen nun zum Wahnsinn, der sehr nah bei der Nemitzer Heide liegt.
Am besten fährt man gleich hin und lässt die gelben Kreuze (der Tag X), die in regelmäßigen Abständen auf Häuser, Bäume, Zäune,… genagelt sind auf sich wirken, bevor man dann vor einem schwer mit Stacheldraht gesicherten Komplex steht: Wir sind angekommen in Gorleben und stehen vor dem Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll. Vor 30 Jahren entschied sich die Gemeinde Gorleben für dieses Zwischenlager und genauso so alt sind seitdem die Proteste dagegen. Besonders brisant und hitzig wird es, wenn der Castor-Transport von Frankreich nach Gorleben fährt und diese Container in dem Zwischenlager parken will. Diese Castoren (so heißen die Behälter) sind gefüllt mit heißem radioaktiven Müll, der nach ca. 30 – 40 Jahren erst auf Normaltemperatur abkühlt, bis dahin werden sie oberirdisch in einer Halle, die einer „Kartoffelscheune“ ähnlich schaut, zwischengelagert. Endgelagert wird der Müll dann in ???
Mehrere Fragezeichen, was die Endlagerung betrifft, denn offiziell genehmigt ist noch kein Platz. Es wird zwar in unmittelbarere Nähe versucht, einen Salzstock zu erkunden, um dort die Castoren einzubuddeln und auf den Nimmerleinstag verschwinden zu lassen. Quasi aus den Augen aus dem Sinn. Bis dahin leuchten die Behälter einsam auf dem Gelände (übrigens ist jetzt die maximale Jahresstrahlungsbelastung schon erreicht, noch vor Ankunft vom nächsten Castortransport) und verfolgen still den Irrsinn, der sich vor ihrer Türe und in ihrem fragilen Körper abspielt: Enteignungen, Überwachungen, Widersprüchlichkeiten aber auch ein Zusammenhalt der Zivilbevölkerung, die seit 30 Jahren couragiert für ihre und die Um(Mit-)weltrechte kämpft und eintritt und versucht Alternativen vorzuschlagen, zu verwirklichen und auch zu leben. Das ist wirklich schön und dann freut man sich umso mehr über ein Biohotel wie das Landlust Kenner, welches zwar jetzt schon ein klimaneutrales Hotel ist, sich aber nicht auf seinen Lorbeeren ausrasten möchten sondern noch große Pläne hinsichtlich Selbsterzeugung von Energie und effizientere Nutzung hat.
Und sie liebe/r Leser/in, welche Möglichkeit haben Sie? Informieren und aktiv werden, am Einfachsten ist schon der Wechsel auf Ökostrom, dann drehen sie zumindest privat dem Atomstrom die Kraft ab.
posted on 09.09.2011 - Die Sonne verschwindet schon ganz langsam hinter dem Horizont und die Kenners, ein paar Gäste und ich tauchen in eine Zeit ein, wo die Landwirtschaft den Tieren noch Respekt entgegenbringt. Eine Bilderbuchzeit, die nur noch in Bildern, Geschichten und Erzählungen Widerhall findet. Fast, denn Andrea Funcke zeigt mit einem Flammen in den Augen, wie Sie sich Landwirtschaft beziehungsweise Subsistenzwirtschaft vorstellt. Auf ihrem Hof, dem mobilen Mitmach Museum, findet sich eine Vielfalt an Tieren wieder, die unter den herrschenden industriellen Bedingungen vom Aussterben bedroht sind. Zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu bunt, zu wenig Eierleistung, einfach zu individuell sind die Hühner, Schafe, Enten, Gänse und Esel. Für Andrea und auch für uns sind sie aber etwas ganz Besonderes, was sich lohnt, erhalten zu werden. Ob es nun die Ostfriesischen Möven sind, die weiße Eier legen und sich von den ganzen Hybridhühnern dadurch unterscheiden, dass sie es mit der Eierleistung gemütlich angehen und keine Legerekorde erzielen können und wollen. Zudem sind sie sehr empfindlich und fühlen sich schon mal beengt, wenn mehr als 50 Artgenossen im Stall sind, dann lässt das Gedächtnis etwas nach und die typische Rangordnung gerät durcheinander. Hybridhühnern ist das ziemlich egal, die vertragen schon einige hundert Artgenossen auf engem Raum neben sich, sind sozusagen stressresistent und konzentrieren sich ganz aufs Eierleggeschäft. Ein Hahn kräht nach diesen Hennen allerdings auch nicht mehr.
Mittlerweile wird es schon etwas kühl, uns friert ein wenig, wir wollen also Wolle und marschieren zu den Wollschafen der Andrea. Gemütlich grasen die guten Schafe auf der Weide, übrigens eine der ältesten Schafrassen Europas. Begehrt ist vor allem ihr Fell, welches sich hervorragend zum Filzen eignet. Das weiß natürlich auch die Andrea, die in der Wollwerkstatt Besucher/innen in regelmäßigen Abständen den Unterschied zwischen vorverarbeiteter Industriewolle (Abfallprodukt) und Rohwolle (Heilmittel) zeigt.
Die Sonne ist nun schon zur Gänze untergegangen, für uns geht es retour zum Bauernhaus und Andrea bringt Licht in die dunkle Stube. Schalter ein! Ui, weit daneben. Mit ein paar Steinschlägen wird Zunder zum Brennen gebracht und erhellt den Raum: Der Funke der Andrea Funcke springt auch auf uns über und macht uns wieder bewusst, wie sich eine industrielle Landwirtschaft von einer kleinstrukturierten, kreislauforientierten und ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft unterscheidet.
Wir tragen übrigens zum Weiterbestehen dieser Tierrassen bei (wenn uns diese Vielfalt wichtig ist), indem wir sie verantwortungsvoll und nachhaltig „nutzen“ und die Bäuerinnen und Bauern in ihrem Tun und Handeln unterstützen, frei nach dem Motto:
„Iss was du erhalten möchtest!“
posted on 10.09.2011 - Diesmal war wieder ein Tag, an dem sich jede/r Romantiker/in einen Haxen ausgerissen hätte, um dabei zu sein. Sonnenuntergänge kennt wohl jeder, mag jeder und jeder steht wahrscheinlich auch still und andächtig davor, bis die Sonne nicht mehr zu sehen ist. Zugegeben lässt mich das auch nicht kalt und so nutze ich jede Gelegenheit, ob auf dem Feld, am Meer, in den Bergen, in der Stadt,… die Sonne bei ihrem täglichen Wechsel zu betrachten. Diesmal war es aber etwas ganz Besonderes. Schon alleine, dass ich noch nie auf der Elbe war, geschweige denn mit einem Floß gefahren bin, hatte es tagsüber auch noch geregnet, was einer Tour auf dem Fluss vielleicht die Anmut nehmen könnte und die Erwartungshaltung vorzeitig etwas dämpft. Wenn aber Engel reisen, dann lacht der Himmel. Und wie er gelacht hat kurz bevor wir gestartet sind. Für Freudentränen war da kein Platz mehr. Ungeniert und unverhohlen zeigte uns der Himmel sein schönstes Gesicht. Die Elbe wollte sich ebenso wenig lumpen lassen und steuerte ihren Teil dazu bei, indem sie uns sanft auf ihrer Oberfläche herumtreiben ließ. Inmitten von Reihern, Kormoranen und Bibern verweilten wir im Augenblick. Bis zum Sonnenuntergang, dann fand der Ausflug ein sanftes Ende, das Boot darf nämlich nur tagsüber auf der Elbe fahren, für uns war es aber der Beginn einer neuen Erfahrung. Schön wars!
Die Kenners haben ja das ausgesprochene Glücksgefühl einer solchen Bootsfahrt erahnt und erkannt und bieten für die Gäste Frühstück auf dem Sofa-Floß Carmen an. Für mich ist das leider nicht mehr möglich, ich muss am nächsten Tag in ein anderes Hotel abreisen (Ginkgo Mare an der Ostsee), allerdings bekomme ich morgen noch einmal die Möglichkeit bei den Kenners zu frühstücken und das ist auch nicht zu verachten, was einem da geboten wird. Bio sowieso, aber der Großteil kommt auch noch aus der Region und schmecken tut es, in der Früh wie am Abend. Sind es die Zutaten, die Hingabe zum Kochen, die ökologische Aura des Hauses, die Verinnerlichung des Ökogedanken seit Jahrzehnten,… Ich weiß es nicht, bin diesmal etwas weniger kopflastig und genieße einfach.