Informationen über VERONIKA SCHMÖLZ
25.-28. August 2011
posted on 01.09.2011 - Ein Schweizer Zeitgenosse hat mich mal sehr verärgert mit seiner Antwort auf die Frage, warum er noch nie in Österreich gewesen sei: „Dort sieht es doch gleich aus wie bei uns, nur dass die Schweiz schöner ist“. Damals habe ich innerlich geschäumt – heute bin ich mir gar nicht sicher ob die meisten “Ösis” nicht die gleichen Vorbehalte gegen unsere Deutschen Nachbarn haben. Den ungläubigen Blicken meiner Freunde nach zu urteilen jedenfalls, die mitbekommen haben, dass ich meine wenigen verbliebenen Urlaubstage in Ostdeutschland verbringen werden.
Ich war mir ehrlich gesagt selbst nicht ganz sicher, was ich in Bad Schandau – Ortsteil Schmilka, 500 Meter vor der Tschechischen Grenze genau tun sollte. Und sächsische Schweiz? Nie gehört! Aber die Aussicht auf nichts tun war eigentlich unglaublich verlockend. Nach einem abenteuerlichen Trip durch Bulgarien bei denen ich von fremden Couchen bis zu überfüllten Hostelzimmern überall geschlafen habe nur nicht in einem anständigen Bett. Das hab ich dann auch bekommen – aber was für eines! Im völlig strahlungsfreien Holzzimmer vor wenigen Monaten fertig gestellt – richtig stylisch und urgemütlich! Ich werde mich jetzt nicht zu ausschweifenden Beschreibungen dieses traumhaften Raumes mit Blick zur Elbe hinreißen lassen sondern ganz frech die praktischen Zimmerbeschreibungen abschreiben, die hier so rumliegen:
Ich geb´ auch noch meinen Senf dazu:
Die Lehmwände haben genau die gleiche Farbe wie die Elbe – matt schlammfarben, sehr trendy. Die Stühle sind handgefertigt aus verbogenen Wurzelholz mit Kuhfellbezügen. Das Bett hat die Form eines riesigen stilisierten Berges. Alle Möbel sind irgendwie schräg eingepasst und machen den Raum daher individuell, dynamisch und wie gesagt – unglaublich gemütlich. Es gibt nur indirekte Beleuchtung und an den Wänden hängen alte Ansichten der Umgebung in Sepia-Farben. Wegen der absoluten Strahlungsfreiheit gibt es kein W-Lan und auch keinen Fernseher. Einziges Manko aus Marketing Sicht – man sieht die traumhaften Zimmer nirgends abgedruckt. In den Prospekten begegnen einem nur lächelnde Menschen mit Kaffetassen in der Hand und im Liegestuhl dösend. Äußerst austauschbar. Aber dem Helvetia kann`s auch wieder egal sein – sie sind restlos ausgebucht.
posted on 03.09.2011 - Lehrer Tuo Liao Fan alias Thomas Richter sieht auf den ersten Blick eher wie ein Buchhalter der Deutschen Bank aus (aber einer von den Guten). Einen Meister der „Inneren Kampfkünste“ vermutet man bei ihm nicht sofort. Strammer Seitenscheitel, beherrschte Mimik und Gestik, leiste Stimme. Mit letzterem führt er uns an die Grundzüge des Tai Chi heran. Dass es nicht um die Kraft der Muskeln geht, sondern darum, das Chi – die Lebensenergie – wieder in Fluss zu bringen. Es ist 8 Uhr morgens, ziemlich kalt und eigentlich ich will meine Lebensenergie lieber schlafend im Bett auf Vordermann bringen.
Wir machen ein paar alte Übungen die schon 500 vor Christus ein chinesischer Arzt empfohlen hat. Sie klingen einfach, sehen einfach aus und fühlen sich ganz und gar nicht einfach an. Alles ist irgendwie holprig, kantig und gar nicht im Fluss. Aber – ich muss aber zugeben „Der Drache umkreist den großen Berg“ ist sehr angenehm für meinen verspannten Nacken und „Der Kranich nimmt das Wasser auf“ eine Wohltat für meinen Rücken. Ich fange an mich einzulassen und meine Hochachtung vor unserem Meister steigt mit jeder Bewegung. Alles ist konzentriert, ohne die kleinste Unterbrechung oder gar Blockade.
Tuo Liao Fan spricht nicht über sich. Theoretisch könnte man auch meinen er hat einen Fortgeschrittenen Volkshochschulkurs besucht. Theoretisch wie gesagt. Es ist meine erste Tai Chi Stunde aber ich bin ja nicht blind. Später erfahre ich, dass Thomas Richter seit 2007 im größten Familienstammbuch des Tai Chi, dem „Yongniam Taiji Almanach“ und dem Fachbuch „Kompedium des Yang Stil- Taijiquan in 3 Bänden“ von Meister Lu Di Min eingetragen ist. Eine unglaubliche Ehre – und mit solchen Leuten macht man seine Morgengymnastik im Helvetia. Es werden auch ganz Tai Chi Wochen angeboten. Nichts für mich: im Tai Chi steckt auch das Wort „Üben“ oder praktizieren drin. Und da fehlt mir schon beim Gedanken daran die Geduld für die Langsamkeit. Aber Thomas ist sowieso schon ein vielbeschäftigter Mann. Gerade jetzt nach dem Sommer, wo die Hauptsaison in der sächsischen Schweiz vorbei ist und alle Arbeitenden in der Tourismusbranche irgendwie ausgebrannt sind. Da muss er „die Lebensenergie der Leute“ wieder stärken, sagt er. Vielleicht wirken deshalb die Sachsen weniger gehetzt als die Tiroler. Einen Meister Tuo Liao Fan könnte der Tourismus bei uns wahrscheinlich auch ganz gut vertragen.
Nach Tai Chi und Bio-Frühstücks geht´s weiter mit einer Wanderung. Die wenigen geführten Wanderungen, die ich in meinem Leben mitgemacht habe (Tiroler nehmen nur Bergführer wenn sie im Himalaya oder in den Anden unterwegs sind – alles andere wäre ihnen peinlich – und was ist eigentlich ein Wanderführer?) begannen ungefähr so: Bergführer stellt sich vor, alle anderen stellen sich vor, dann Routenbeschreibung und zum Abschluss ein kleines Witzchen am besten ein zweideutiges und auch sonst gehört “Schmäh führen” zum guten Ton. In Sachsen geht man einfach los. Viel geredet wird nicht – dafür erfährt man von Norbert was über die Pflanzen am Wegesrand und die Besonderheit der Gesteinsformationen in der Sächsischen Schweiz. Gebirge ist es nämlich geologisch gesehen keines – das wird plattentektonisch aufgetürmt. In der Sächsischen Schweiz bewegen wir und auf ehemaligen Meeresgrund (gepresster Sand), von Fluss, Wind und Wetter ausgewaschen. Überall auf den Wanderwegen liegt Sand. Das finde ich toll. Es ist unglaublich heiß aber der langsam wieder entstehende Mischwald ist sehr angenehm zum Laufen. So ein Nationalpark tut dem Wald richtig gut. Die Aussichten sind einfach fantastisch. Es ist ganz anders als in den Alpen und das gefällt mir – auch dass die Aufstiege über einfache Treppen gehen und nichts besonders anstrengend ist. Viel Zeit um die Umgebung zu genießen.
Langsam taut die Gruppe etwas auf. Wir sind eine richtige DACH Gruppe: Deutschland – Österreich – Schweiz. Einer stellt sich als „Sau-Preuße“ vor – ich nicke und lache und hab keine Ahnung wo das sein soll – so viel weiß ich von Deutschland.
Wir machen kinesiologischen Übungen, bei der die Kraft der Gedanken unseren Muskeltonus beeinflusst. Dazu nehmen wir auch Mal einen Baum zu Hilfe. Die Birke steht für das spielerische, bewegliche wenn wir das Gefühl haben festgefahren zu sein. Die Eiche für das stabile, standhafte wenn wir Halt brauchen und die Buche für das Nährende wenn wir und ausgelaugt fühlen. Anscheinend kommt das Wort “Buchstabe” von den Buchenstäbchen, die die Kelten geworfen haben um die Zukunft zu lesen. Wir machen auch eine kleine Runde Lachyoga. Der Schweizer unter uns mag nicht mitmachen – ihm ist das zu blöd. Er lacht aber trotzdem wie wir im Kreis stehen und uns auf „Los“ den Bauch halten und loslachen. Es ist wirklich lustig, man lacht dann über das Lachen der anderen. Runter geht´s über den Rotkelchensteig und der ist wirklich abenteurlich. Schwindelfrei muss man sein und auch trittsicher. Aber es macht Spaß ein bisschen rumzukraxeln. Zum Abschluss stellt sich Norbert noch über eine Quelle und meint wir können alles Negative wegschwemmen lassen. Mir gefällt die liebenswürdige Ernsthaftigkeit von Norbert. Keine Spur von Sarkasmus oder gar Zynismus, blöder Sprüche oder einfacher Witzchen alles scheint gut und wertvoll und wird mit großem Respekt behandelt. Reden scheint da eher hinderlich zu sein. Wir fühlen uns wohl und sind ganz glücklich über den schönen Tag.
posted on 04.09.2011 - Einige Produkte die im Helvetia auf den Teller kommen sind nicht nur Bio sondern gar aus dem eigenen Garten. Direkt neben der Elbe befindet sich ein entzückender Bauerngarten mit Gurken, Zucchini, Kapuzinerkresse, Zwiebeln, Mais, Sonnenblumen. Alles wächst frisch und fröhlich durcheinander und am Holzzaun hängen Schiefertafeln mit netten Sprüchen. Daneben ein Gewächshaus mit Tomaten um Paprika. Wieder daneben grasen Jungschafe das Elbeufer ab. Im letzten Jahr ging die Elbe knapp vor der ersten Tomatenernte über und verwüstete den ganzen Garten und das Gewächshaus.Im Jahr darauf haben sie den Garten wieder angelegt. Die Frage nach der Arbeit hinter vielen Ideen stellt man sich laut Hoteldirektorin Kühne schon gar nicht mehr, meint sie und lacht. Ein Arbeitsstil, der wohl nicht jedem gefällt. Es hat sich in der Vergangenheit sehr schwierig erwiesen passende Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu finden. Erstens Mal wollen nicht viele nach Schmilka und zweitens neben der Arbeit vielleicht noch Unkraut jäten? Gerade ältere Menschen wollen sich darauf nicht mehr einlassen. Die Mannschaft des Helvetia ist daher auch ausgesprochen jung. Niemand ist weit über 40 – die Hoteldirektorin erst 26. Das wichtigste war, sagt sie, ein gutes Team für die Küche zusammen zustellen. Das haben sie seit knapp einem Jahr und zahlen auch gerne das Doppelte um die Leute zu behalten.
Der gute Ruf der Küche hat sich bis Dresden durchgesprochen und das Restaurant hat einen richtigen Aufschwung erfahren. Rumgesprochen hat sich auch, dass im Helvetia auf jede Nahrungsmittelunverträglichkeit Rücksicht genommen wird. Viele Gäste schicken seitenweise Mitteilungen, welche Dinge sie essen können und welche nicht. Für viele ist es schon ein Urlaub sich einmal nicht um die Art des Essens kümmern zu müssen. Ein Service der viel Extra-Aufwand bedeutet aber von nicht vielen Hotels so flexibel umgesetzt wird.
Und auch den Nicht-Allergikern gefällt´s. Alles ist mit essbaren Blüten dekoriert, die Salatbar unglaublich abwechslungsreich. Neben den Couscous-, Nudel-, Kraut und Kartoffelsalaten könnte es auch ein paar frische, noch nicht angerichtete Sorten vertragen aber das Angebot ist wirklich reichhaltig. Der Grillabend war eine tolle Sache – bei lauem Sommerwetter im Garten. Herrliches Fleisch, Fisch und auch vegane Würstchen. Alles ist auch in der Speisekarte und am Salatbuffet klar als Vegan ausgewiesen. Das Service ist ausgesprochen gut. Die Restaurantleiterin wirkt wieder sehr jung, ist aber sehr professionell. Auch eine Stelle die erst nach intensivem Suchen besetzt werden konnte. Irgendwie ist es paradox. In manchen Ländern herrsche eine Jugendarbeitslosigkeit über 20% in anderen Gegenden finden sich keine Leute. Wenn ich noch keinen Job hätte – ich würd mich bewerben…
posted on 04.09.2011 - Den bisherigen Berichten nach ist es nicht schwer zu erkennen, dass ich vom Helvetia richtig begeistert bin. Noch mehr begeistert mich aber die Tatsache, dass das 4-Sterne-Hotel nur ein Puzzle Stück von einer richtig großen Bio-Vision für das verschlafene Örtchen Schmilka ist. Angefangen hat alles mit dem katastrophalen Hochwasser der Elbe 2002.Das Wasser stand bis zur Decke des Erdgeschosses, alles war verdreckt und vermüllt mit angeschwemmten Plastikflaschen und Treibgut. Der damalige Besitzer des Helvetias gab auf. Dann stand das Haus erst einmal einige Jahre leer bis sich der Kinderspielplatz Architekt Sven-Erik Hitzer nicht nur in eine Dame der Umgebung sonder auch gleich in Schmilka verliebte. Er kaufte das Hotel, renovierte es und eröffnete es 2007. 2009 erfolgte die Umstellung auf 4 Sterne und sie traten den Bio-Hotels bei.
Man merkt die Hand eines Ästheten in der Inneneinrichtung und Gestaltung des Hotels – und die Konsequenz. Nur unbehandeltes Holz, in keiner Lampe ist auch nur ein Gramm Plastik zu finden, alles ist aus Holz, Stahl, Glas und Porzellan. Und er denkt auch groß. 3 weitere Frühstückspensionen für Wanderer und Radfahrer, die nur eine Nacht bleiben wollen und das möglichst günstig wurden zugekauft. Außerdem die Mühle von Schmilka – das Herz des 137 Einwohner Dorfes. Außen sieht sie ganz gut aus aber Innen muss alles neu gemacht werden. Ohne Förderung geht da gar nichts. Mitten in der Sommersaison – wo am meisten Wanderer durch den Ort ziehen kam die Genehmigung und es musste sofort zu bauen begonnen werden. Jetzt ist das halbe Dorf eine Baustelle aber das Ergebnis wird toll werden.
Die Mühle mit Wasserrad wird wieder Mehl mahlen mit Bio-Getreide aus der Umgebung. Ins Untergeschoß kommt eine kleine Bio-Bäckerei, die auch die Hotels und Pensionen beliefern wird. Bisher bäckt eine konventionelle Bäckerei das Brot mit eigens geliefertem Bio-Mehl. Für Extras und Kreativität ist da wenig Platz. Die sind aber wichtig, da ein großer Teil der Gäste ins Helvetia aufgrund von Nahrungsmittelunverträglichkeiten eincheckt.
Oberhalb der Bäckerei soll, wenn alles glatt geht eine Bio-Brauerei entstehen und im Hauptgebäude wieder ein paar Pensionszimmer. Das letzte ziemlich baufällig leerstehende Haus in Schmilka soll zu einem Bioladen umgebaut werden. Dürfte eigentlich ein Selbstläufer sein, da es für die Pensionsgäste sonst keinerlei Einkaufsmöglichkeiten gibt. Der Umbau alleine würde jedoch 600.000 Euro kosten. Geld das einfach (noch) nicht da ist. Langfristig soll Schmilka also ein Bio-Erlebnis Resort werden für Wanderer, Radfahrer und Tagesausflügler.
Die Idee ist brilliant und wird auch bestimmt aufgehen. Die Einwohner von Schmilka danken den frischen Wind auch und haben Sven-Erik Hitzer eine 2,5 Meter breite Nachtansicht vom Hotel am Elbeufer geschenkt. Vor Begeisterung und Stolz hat er das ganze neue Restaurant Zimmer darum herum bauen lassen. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch in Schmilka in ein paar Jahren und wünsche Herrn Hitzer und dem ganzen Team von 26 Leuten viel Erfolg für das wunderbare Projekt.